Gap the Rich

Kurzgeschichte

Gap the Rich

 

Jill findet Jen vor der Einfahrt zum Parkhaus gegenüber dem Hilton. Kein guter Platz. Die Portiers tragen Zylinder und rufen die Cops, sobald jemand herumlungert, der nicht hierhergehört. Jill und Jen nennen die Livrierten Zombies.

Jen lehnt an einem Mülleimer und streitet sich mit einer Taube um Brotkrümel auf dem Asphalt.

„Was ist los?“, fragt Jill.

„Nichts. Ich sitze hier.“

„Du darfst hier nicht sitzen, das weißt du?“

„Vielleicht. Aber ich kann nicht aufstehen.“

„Was hast du genommen?“

„Joe hat mir was geschenkt. Hab ich gebraucht. Ich war hungrig.“

„Ach, Jen. Komm jetzt.“

„Ich kann nicht.“

„Du musst. Ich helfe dir und bringe dich nach Hause.“

Jill zieht Jen hoch und legt sich ihren Arm über die Schulter. Gemeinsam schaffen sie es über die O’Farrell und zwei Blocks weiter in eine der Seitenstraßen.

Sie teilen sich das Zelt zu dritt, Joe, Jen und Jill. In den Seitenstraßen stehen die Zelte dicht an dicht. It never rains in California. Nur nachts wird es manchmal kalt, wenn der Wind durch die Straßen fegt.

Joe liegt im Zelt und zuckt. Arme und Beine verrenken sich, der Körper krümmt sich in immer neue Posen. Jill flucht, als sie die Plane beiseiteschiebt. Sie rüttelt Jen an der Schulter. Jen öffnet kurz die Augen und kneift sie wieder zu.

„Was hat der Dreckskerl dir gegeben?“

„Ich weiß nicht.“

Jill streicht ihr über die Stirn. „Du hast Fieber.“

„Ach was, das wird schon. Du weißt doch, eine wie ich, der passiert nichts. Außerdem war ich Krankenschwester, damals. Weißt du doch, Jill.“

„Ja, weiß ich. Trotzdem hast du Fieber.“

„Fieber, was ist schon Fieber. Was macht Joe?“

„Was er immer macht. Schläft und schnarcht, bis er aufwacht und in die Nacht verschwindet.“

„Könnte niemals nachts draußen sein. Wegen der Monster und all dem.“ Jen schließt die Augen. „Ich möchte mit dir im Meer baden.“

„Wenn du wieder fit bist. Ich muss gleich noch mal los.“

„Was hast du vor?“

„Was zu essen besorgen. Getränke. Was sich so findet.“

„Wohin gehst du?“

„Zu den Piers.“

„Zu den Seehunden?“

„Komm ich bestimmt dran vorbei.“

„Auch an den Strand?“

„Denk schon.“

„Gestern habe ich mit meinen Eltern telefoniert. Nur kurz. Einer hat mir einen Dollar gegeben, als ich ihm meine Brüste gezeigt habe. Bin abgehauen, als er mehr wollte. Und dann dachte ich, ich ruf Ma an.“

Jen zieht die Knie an den Körper.

„Und dann musste ich an Martha’s Vineyard denken. An den Sommer vor fünfzehn Jahren. Da hab ich Muscheln gesammelt.“

Sie schweigt einen Moment.

„Keine Ahnung, wo die geblieben sind.“

„Jen?“

„Wenn du an den Strand gehst, bringst du mir eine mit?“

„Eine Muschel?“

„Ja. Ich schaff’s gerade nicht. Ist zu weit.“

Jill nickt. „Ich bring dir eine.“

„Versprochen?“

„Versprochen. Wollte sowieso zum Meer. Und auf die Brücke schauen.“

Jen kauert sich zusammen, rollt sich ein und hält die Hände vors Gesicht.

„Jen?“

Sie antwortet nicht.

 

***

 

Bevor sie die Mall betritt, zupft Jill ihre Kleider zurecht. Es ist wichtig, sauber zu sein, gewaschen, ein Shirt ohne Flecken zu tragen. Sally arbeitet in einem Hotel. Keine richtige Freundin, aber Jill kennt sie von früher, als sie noch eine Wohnung hatte und in der Küche der Cheesecake Factory arbeitete. Sie mochte den Job, gerade weil es hektisch war.

Einmal in der Woche wartet Jill am Hotel, bis Sally herauskommt und sie in eines der Zimmer schleust. Dort duscht sie und wechselt die Kleidung. Die Wäsche aus der Hotel-Laundry riecht nach einer Brise Sommerwind. Heute war sie dort.

Vor dem Schild mit der Aufschrift „Pier 39“ posieren zwei Mädchen, werfen die Haare zurück und zeigen ihr Instagram-Lächeln. Zwischen Shops mit Hüten und T-Shirts und Restaurants liegen Geschäfte, in denen Schmuck aus Gold, Silber und Platin verkauft wird. Vor dem Burger King führt eine Holztreppe hinunter zu den Seehunden auf den Anlegestellen.

Jill schlängelt sich durch die Drehtür und schaut sich um. Bei Familien mit kleinen Kindern ist es am einfachsten zu betteln. Als Vater oder Mutter hat man ein guter Mensch zu sein.

In einer Ecke sitzen zwei Paare mit jüngeren Kindern. Der Tisch quillt über, die Münder sind verschmiert. Ein beleibter Mann mit Glatze erzählt etwas, worüber die anderen lachen. Jill geht zu ihm.

„Entschuldigung, Sir, darf ich Sie etwas fragen?“

„Ja, klar, was gibt’s denn?“

„Ich brauche etwas zu essen. Können Sie mir und meiner Freundin helfen?“

„Ich sehe keine Freundin.“

„Sie ist schwach, wissen Sie.“

„Wohnt auf der Straße, was?“

„Bitte. Wir haben Hunger.“

Der Mann blickt zu den Kindern. „Was sagt ihr, holen wir der Lady ein paar Burger?“

Die Kinder grinsen und halten die Daumen hoch.

„Okay. Dann geht mal los.“

Jill schaut ihnen hinterher. Der Junge hält die Fünf-Dollar-Scheine in der Hand. Seine Haare sind zu Stacheln gegelt.

Nach einer Weile kommen die Kinder zurück. Das Mädchen trägt eine Tüte, der Junge eine Pappkrone.

Jill wartet.

Das Mädchen öffnet die Tüte, nimmt einen der eingewickelten Burger heraus und schleudert ihn unter einen freien Tisch.

„Schnapp dir das Futter“, ruft sie und lacht.

Jill schaut das Mädchen an. Dann die Eltern.

Niemand steht auf.

Sie geht auf die Knie, kriecht unter den Tisch und holt den Burger hervor.

Der zweite landet hinter einer Eckbank. Jill streckt den Arm darunter und fischt ihn heraus.

„Reicht jetzt, genug gespielt“, ruft der Vater.

Sein Bauch bewegt sich beim Sprechen, als ob Flüssigkeit darin wabere.

„Okay, Pa!“

Jill kniet noch immer auf dem Boden, die beiden Burger im Schoß. Die Kinder kommen grinsend auf sie zu. Das Mädchen reicht ihr die Tüte, hält dabei Abstand. Sommersprossen liegen über ihrer Nase. Aus der Tüte riecht es nach Fritten, warmem Brot, Fleisch und Tomate. Die Wärme der Burger dringt durch das Papier.

Der Junge stellt sich vor Jill und stülpt ihr die Pappkrone auf den Kopf.

„Wenn du Geburtstag hast, darfst du sie tragen. Dann bist du eine Königin.“

Jill bewegt sich nicht.

Dann steht sie auf.

Königinnen gehen gerade durch das Leben.

Sie blickt nicht zurück.

Draußen steigt sie die Treppen zum Pier hinunter. Auf den Anlegestellen liegen die Seehunde, ungewaschen, stinkend. Kinder beugen sich über die Brüstung und zeigen auf die Tiere. Jill steht abseits.

Vom Meer kommt Wind. Vor ihr liegt die Bucht, voller Schiffe. Wie lange braucht man über den Pazifik? Bis Hawaii. Japan. Vielleicht sogar Tahiti. Jill bleibt eine Weile stehen. Dann geht sie.

Die Krone behält sie auf.

 

***

 

„Warum hast du eigentlich jedes Jahr an Weihnachten Dienst?“

„Hab ich nicht.“

„Hast du doch.“

„Nein.“

„Letztes Jahr?“

„War ich bei euch.“

„Bis der Anruf kam.“

„Einer war krank.“

„Und vorletztes Jahr?“

Dan schweigt.

„Siehst du.“

„Was soll ich machen, Liza? Ich bin Polizist.“

„Du verdrehst die Wahrheit.“

„Dieses Jahr ist dieser Weihnachtsempfang. Die ganzen Tech-Leute.“

„Und?“

„Scheiße, ich kann’s nicht ändern.“

„Keine Fäkalsprache vor Kindern.“

„Entschuldigung.“

„Also?“

„Am 25. habe ich frei. Am 23. und 24. Dienst.“

„Bleibt wieder alles an mir hängen.“

„Komm schon, Liza.“

„Was?“

„Tut mir leid.“

„Tut mir leid. Tut mir leid. Wie oft habe ich das gehört?“

„Du weißt, dass ich dich und Violet über alles liebe.“

„Ach, Dan.“

„Ich will die Seehunde sehen, Dad“, ruft Violet und zupft an seinem Ärmel.

Dan schaut zu ihr hinunter. „Was hältst du von ein paar Burgern? Und danach zu den Seehunden?“

„Oh ja!“

Am Eingang des Burger King kommt ihnen eine Frau im Minirock und Hoodie entgegen. Sie stößt beinahe mit Dan zusammen. In einer Hand hält sie eine Burgertüte, auf dem Kopf trägt sie eine Pappkrone.

„Sorry“, murmelt sie und weicht aus.

„Schaut mal!“, ruft Violet und läuft auf die Frau zu.

Dan hält sie am Arm fest.

„Violet. Nicht.“

„Wieso?“

„Die lebt auf der Straße.“

„Woher weißt du das?“

„Das sieht man.“

Violet betrachtet die Frau. „Aber sie trägt eine Krone.“

„Und kaputte Schuhe. Schau ihr in die Augen.“

„Was ist mit ihren Augen?“

„Wer weiß, was die genommen hat. Und wer weiß, was du dir holst, wenn du sie anfasst.“

Violet schaut Jill hinterher.

„Vielleicht ist sie eine verzauberte Königin.“

„Komm, Schätzchen. Wir essen was und gehen zu den Seehunden.“

Violet dreht sich noch einmal um.

 

***

 

Jill trägt die Krone und schreitet aufrecht die Haight Street auf und ab. Braungebrannte Beine unter dem Mini, den Kopf erhoben. Sobald sie einen ihrer Gefolgsleute trifft, bleibt sie stehen, flüstert, gestikuliert, zeigt zur Bucht und erklärt, was an Heiligabend geschehen soll. Alle, mit denen sie spricht, leben auf der Straße wie sie. Manche schwanken, andere stehen reglos da. Menschen, vor denen die Bürger die Augen senken.

Die Königin ruft ihre Zombie-Armee zusammen.

Siebenmal geht Jill die Straße auf und ab, bevor sie im Nebel verschwindet, hinunter zur Bucht, wo die Möwen kreisen, die Seehunde schreien und der Wind pfeift. Hinter ihr steigt die Stadt in steilen Windungen empor, dazwischen die Häuser aus Licht, die zum Himmel streben. Am Horizont scheint die Brücke zu schweben. Ein goldenes Symbol. Das Ziel der Königin und ihrer Leute.

 

***

 

Dan und seine Kollegen kommen aus Chinatown und fahren zum Hilton in der O’Farrell Street. Den Crown Victoria des SFPD stellen sie direkt vor dem Hotel. Leroy holt Kaffee für alle. Er ist der Jüngste im Team, hochgewachsen, ein Athlet, der die Narben des Dienstes noch vor sich hat.

An der Bar sitzen Männer vor ihren ersten IPAs, schauen auf ihre Handys und auf die Bildschirme mit den Sportübertragungen.

Der Tag war ruhig. Ein Ladendiebstahl. Ein Penner, der einen Geschäftsmann am Kragen gepackt hat und dann selbst hingefallen ist, weil er zugedröhnt war. Dan hat Leroy gesagt, er solle den Kerl auf keinen Fall ohne Handschuhe anfassen. Man wisse nie, was man sich holt, wenn man einen Zombie berührt.

Für einen Moment musste er an Violet denken. An ihre glänzenden Augen und daran, wie wenig sie von dem Elend kennt, das er jeden Tag sieht.

„Hast du den Kerl gesehen, als ich ihm gesagt habe, dass er die Reinigung selbst bezahlen kann?“

„Der hat geguckt, als hätte er überhaupt nicht verstanden, was du von ihm willst.“

Die anderen lachen. Leroy nicht.

„Was ist?“, fragt Dan.

Leroy zuckt mit den Schultern. „Sind arme Schweine.“

„Spar dir dein Mitleid auf, bis dir einer in die Fresse schlägt.“

„Trotzdem. Die hatten doch auch mal ein Leben. Familie. Freunde.“

„Hatten.“

„Und deshalb sind sie jetzt nichts mehr?“

Dan nimmt einen Schluck Kaffee. „Du bist noch nicht lange genug dabei.“

„Was soll das heißen?“

„Dass du irgendwann aufhörst, dir zu jedem von denen eine Geschichte auszudenken.“

„Vielleicht haben sie eine.“

„Bestimmt. Hilft ihnen bloß nicht.“

Leroy sieht ihn an. „Und wenn du selbst mal unter die Räder kommst?“

„Wird nicht passieren.“

„Woher weißt du das?“

Dan antwortet nicht.

Unterdessen trifft eine Gruppe Geschäftsleute ein. Alle tragen denselben Rucksack mit einem fetten Firmenlogo darauf. Männer und Frauen klatschen sich ab, manche umarmen sich. Einige drängen zur Rezeption, andere lassen sich in der Lobby nieder und klappen ihre Laptops auf.

 

***

Langsam löst sich die Nacht auf. Aus Grau wird Rosa, die ersten Sonnenstrahlen fallen auf die Bay. Das schwarze Wasser nimmt die Farbe des Tages an. Im Hintergrund erheben sich die Türme der Stadt. Die Golden Gate Bridge wölbt sich über die Bucht, ihre Konturen treten hervor. Der Wind hat nachgelassen.

Auf den Fußgängerwegen der Brücke hat sich eine stille Menge versammelt. Eine Armee, angeführt von ihrer Königin.

„Roy, das Ding läuft so: Du gehst mit den anderen zum Pfeiler, kletterst hoch und lässt dich befestigen. Verstanden?“

„Warum auf den Rücken? Dann sehen mich alle.“

„Genau darum geht es.“

„Warum?“

„Die Welt soll euch sehen. Heute kommt keiner an euch vorbei.“

„Wo ist Karen?“

„Die kommt.“

„Soll sich neben mich hängen.“

„Wird sie schon.“

„Glaubst du?“

„Absolut.“

Jill mustert ihn. „Wann hast du zuletzt was genommen?“

„Heute nicht.“

„Gut.“

„Außerdem sehe ich dort oben aus wie der verfickte Jesus.“

Jill lacht so schallend, dass ihr beinahe die Krone vom Kopf fällt.

„Cool bleiben, Roy. Es ist Weihnachten.“

„Ay, Mistress.“

„Dann kann’s losgehen.“

„Warte. Ich habe noch was für dich.“

Roy zieht Tulpen, Astern und zwei Rosen aus einer Walgreens-Tüte. Er biegt die Stängel und steckt die Blumen zwischen die Zacken der Krone.

„Was soll denn das, Roy?“

„Hab mir gedacht, das ist schön. If you’re going to San Francisco. Du weißt schon.“

„Du bist so was von kitschig.“

„Na und?“

Jill streicht ihm über die Wange. „Kommst du zurecht?“

„Auf jeden Fall.“

Leitern stehen bereit. Die Ersten klettern hinauf und lassen sich an den Stahlstreben befestigen. Andere übersteigen die Zäune zwischen Fußweg und Fahrbahn und treten auf die Straße.

Ein Wagen bremst. Dahinter der nächste.

Jill ruft Befehle, spricht Mut zu, hilft, wo jemand zögert. Mit ihrer blumenbekränzten Krone ragt sie aus der Menge heraus.

Bald hängen auf beiden Seiten der Brücke Frauen und Männer aus der Armee der Unsichtbaren an den Brüstungen. Die Autos stehen. Türen schlagen. Pendler steigen aus und starren zu ihnen hinauf.

 

***

 

Der Anruf kommt mitten im Gelächter. Dan überhört das Signal beinahe. Dann wird sein Gesicht ernst.

„Leute, hört zu. Wir müssen los. Einsatz an der Golden Gate Bridge. Irgendeine Protestaktion. Die sind mit Leitern auf der Brücke.“

„Fuck. Warum wir?“

„Weihnachtsempfang der Tech-Branche. Die meisten Kräfte sind gebunden. Verstärkung ist angefordert.“

„Na gut. Dann los.“

Sie stellen die Becher ab und eilen zur Tür.

 

***

Den Cops bietet sich ein bizarrer Anblick. Abgerissene Gestalten blockieren Hand in Hand die Fahrbahn. Andere hängen an den Pfeilern der Brücke, festgeklebt, angebunden, den Blick zur Bucht und zum Meer gerichtet.

Aus der Menge ragt eine Frau mit einer Krone auf dem Kopf. Um die Zacken ranken sich Blumen, vom Wind zerzaust, die Blüten leuchten rot und gelb.

Dan geht auf sie zu. Etwas hält ihn davon ab, sie am Arm zu packen. Sie ist größer als er, trägt Minirock und Sneakers. Grüne Augen blitzen ihn an.

„Was ist das hier?“

„Was sehen Sie?“

„Eine gesperrte Fahrbahn.“

„Sie müssen genauer hinschauen, Sir.“

„Okay. Leute hängen an den Pfeilern. Besser?“

„Ein Anfang.“

„Lady, Sie und Ihre Leute blockieren die Straße. Da stehen Menschen, die zur Arbeit wollen.“

„Fein, dass sie Arbeit haben.“

Dan schaut sie an.

„Wir können das friedlich lösen.“

„Wir sind friedlich.“

„Sie blockieren die Golden Gate Bridge.“

„Es ist Kunst.“

„Natürlich.“

„Eine Performance.“

„Und Sie sind die Anführerin?“

„Ich bin die Königin.“

Dans Blick wandert zu der Pappkrone und den Blumen.

„Warum das alles?“

„Damit man uns sieht.“

„Bald werden mehr Cops hier sein.“

„Dann sehen uns noch mehr.“

„Ich werde Sie festnehmen, wenn Sie Ihren Leuten nicht sagen, dass sie nach Hause gehen sollen.“

„Nach Hause?“

„Ja.“

„Wir haben kein Zuhause, Officer.“

Dan löst die Handschellen von seinem Gurt. Neben ihm steht Leroy, den Knüppel in der Hand.

Sein Blick gleitet über die Fahrbahn. Zu den Autofahrern. Zu den Menschen, die Hand in Hand vor den Wagen stehen. Zu denen, die an den Pfeilern hängen.

Er hält inne.

 

***

Die Königin spürt die Menge, einen wogenden Organismus. Journalisten richten ihre Kameras auf die Menschen an den Brüstungen. Die Cops drängen aufgebrachte Autofahrer zurück. Rufe jagen über die Brücke, der Wind hat wieder zugenommen.

Dan dirigiert seine Mannschaft.

Jill geht auf ihn zu. Er dreht sich um.

„Wir werden die Brücke freigeben.“

„Wird auch Zeit.“

„Alle haben uns gesehen. Das ist das Wichtigste. Sie lassen uns in Ruhe abziehen. Haben wir einen Deal, Officer?“

Dan schaut sie an.

„Eine Frage noch, Lady.“

„Ja?“

„Sie meinen es ernst, oder?“

„Was?“

„Das mit der Kunst.“

„Natürlich.“

Dan nickt.

„Ich habe es gesehen.“

„Wurde auch Zeit.“

Dan lächelt.

„Dann haben wir einen Deal?“

„Wir haben einen Deal.“

Die Königin lacht.

 

***

Jetzt hat Jill es eilig. Sie ist überall, auf der Fahrbahn, an den Brüstungen, bei denen, die Hilfe brauchen. Die Leitern werden angelegt, der Kleber mit Olivenöl gelöst, die Seile abgestreift.

Die Cops halten die Autofahrer zurück. Die Journalisten dokumentieren mit ihren Kameras, was auf der Brücke geschieht.

Nach und nach versammeln sich die Leute der Königin auf der Fahrbahn und umringen Jill. Alle Blicke richten sich auf die Frau mit der Pappkrone.

Jill sagt nichts. Sie hebt die Arme, beugt sich zurück, zeigt zum Himmel und wiegt sich im Takt.

Ihre Leute folgen ihr.

Sie lachen und schreien, heben die Arme, beginnen zu tanzen.

Dann weist die Königin den Weg zur Stadt.

Bewegung kommt in die Menge. Karen und Roy ziehen mit den anderen los, Hand in Hand, begleitet von Wind und Nebel.

 

***

 

Jill erreicht ihren Lieblingsstrand im Schatten der Brücke. Der Sand ist kühl. Hier verirrt sich kaum jemand her. Zum Schlafen taugt der Strand nicht, zu windig, zu wenig Licht.

Sie setzt die Krone ab, gräbt eine Mulde in den Sand und legt sie hinein. Dann schiebt sie den Sand darüber.

Jen hat um eine Muschel gebeten.

Am Saum des Meeres sucht sie zwischen dem, was die Gischt anspült. Das Wasser ist eiskalt. Sie geht ein Stück am Ufer entlang, bückt sich immer wieder. Schließlich findet sie ein Schneckenhaus, geriffelter Kalk auf der Oberfläche.

Keine richtige Muschel.

Aber es wird Jen gefallen.

Als sie zum Zelt zurückkommt, schläft Jen. Joe liegt zusammengerollt auf der anderen Seite, den Rücken zu ihnen.

Jill setzt sich neben sie und berührt ihre Schulter.

„Hey.“

Jen öffnet die Augen.

„Ich hab dir was mitgebracht.“

Sie legt das Schneckenhaus in Jens Hand.

Jen betrachtet es, fährt mit dem Daumen über die Rillen.

„Eine Muschel“, sagt sie.

„Ist keine richtige.“

Jen schließt die Finger darum und sieht sie an.

„Doch.“

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