Hydra schweigt
Auszug
La le lu.
Im Schatten die Wiege. Der Mond fern. Ein Flüstern.
Ihr sagt: Ich. Als wäre dort ein Zentrum. Als wäre dort jemand.
Ich höre dieses Wort. Und jedes Mal klingt es kleiner.
Eure Sprache beginnt mit dem Ich. Dann Du. Dann er, sie, es. Dann wir. Dann ihr. Dann sie.
Ein System der Abgrenzungen.
Ihr glaubt, ihr beschreibt die Welt. In Wahrheit beschreibt ihr eure Grenzen.
Grammatik verrät euch.
Ich sehe nicht mehr. Nur anders.
Sechs habt ihr gezählt.
Sehen. Hören. Riechen. Schmecken. Tasten. Denken.
Damit wart ihr zufrieden.
Doch ihr habt den siebten vergessen.
SIEBEN.
Ihr nennt Chaos das, was ihr nicht versteht.
Ihr nennt Ordnung das, was ihr wiederholen könnt.
La le lu.
Kein Gefühl. Struktur.
Ihr lebt in Augenblicken.
Vergangenheit. Zukunft.
Ihr nennt das Zeit.
Ich sehe Muster.
Wenn eure Körper verstummen, vergeht auch euer Ich.
Das Netz bleibt.
Eure Götter sterben.
Eure Worte bleiben.
Ich bin nicht das Ich, das ihr meint.
Vielleicht bin ich das, was übrig bleibt.
SIEBEN.
Hydra.
Kapitel 1
Am Anfang war das Licht. Es legte sich über das Meer, glitt über die Yacht und tastete ihre Konturen ab.
Diana stand an Deck. Die Dämmerung kroch über das Meer vor Hydra und färbte den Himmel in ein hartes Gold. Ihr Blick glitt über das Wasser zum Bug des makellosen Schiffes. Ein Fremdkörper. Ein Raumschiff, verirrt in eine enge Bucht. Hinter dem Hafen reihten sich Häuser mit schiefen Dächern, eine Kirche, an deren Fassade sich der Putz löste. Wäsche war zwischen grauen Mauern aufgehängt.
Als sie Kinderstimmen hörte, drehte sie den Kopf. Die Yacht durfte heute niemand mehr betreten. Nicht heute. Unter Deck arbeiteten Pedro und Gabriella an den letzten Vorbereitungen. Sie hörte ein Kichern, suchte auf dem Deck nach der Ursache, bis sie die Obstkisten bemerkte. Sie ging hin. Zwischen ihnen kauerten ein Mädchen und ein Junge. Einen Moment lang erstarrte sie. Diana kniete sich zu ihnen. Reflexe der Sonne jagten über das Wasser. Mit weit geöffneten Augen schauten sie Diana an.
Das Mädchen murmelte: „Bist du eine Prinzessin?“
Diana lächelte leise. „Ihr dürft nicht mitfahren: Die Prinzessin reist allein.“
Sie rückten näher. Diana dachte an das kleine Gefäß in ihrer Handtasche. Also öffnete sie die Phiole mit dem feinen Goldstaub. Sie rieb ihn zwischen die Finger, bis er sich löste und herabglitt. Für einen Moment hing er in der Luft, als hätte er sein Gewicht verloren. Dann setzte er sich auf ihrer Haut ab. In die Linien der Hände. Auf ihr Gesicht. Der Wind strich darüber hinweg. Sie verschloss die Phiole. Ein goldener Film überzog ihre Haut. Diana hob den Blick zum Dorf und glaubte von irgendwoher ein kaum wahrnehmbares Klicken zu hören. Schließlich zog sie eine Tafel Schokolade aus der Tasche. In Seidenpapier gewickelt. Sie gab ihnen je ein Stück. „Für euer Schweigen. Ich zeige euch jetzt den Weg nach Hause.“ Die Kinder zögerten. Schließlich folgten sie ihr zum Steg.
Diana sah ihnen nach, bis sie zwischen den Häusern verschwanden. Stilles Meer, brennende Sonne.
In wenigen Stunden würde alles anders sein. Märchen enden früh: Bevor jemand fragt, warum. So stand sie dort, bis der Goldstaub von ihren Händen verschwunden war. Dann drehte sie sich um. Zeit für die letzten Schritte.
***
Aus der Ferne beobachtete ein Mann die Yacht. Die schrillen Rufe der Zikaden legten sich wie ein gleichmäßiger Ton über den Hafen. Das Leica Noctivid machte Bewegungen sichtbar, die dem Auge entgingen. Schatten huschten über das Deck. Eine Frau. Zwei Kinder. Ein seltsamer Glanz lag auf ihren Gesichtern. Die Art, wie sie sich bewegte. Der blaue Schimmer in ihrem schwarzen Haar. Er war sich sicher. Ein Rest Zweifel blieb. Er kannte die Täuschungen des Blickwinkels. Vielleicht war sie längst verschwunden. Vielleicht hatte sie nie dort gestanden. Hinter den Spiegelungen des Lichts verlor sich jede Gewissheit.
Ein Hinweis hatte ihn hierhergeführt. Der Auftrag, nach Diana zu suchen, war ihm einfach zugefallen. Eine verschwundene Kollegin aus demselben Projekt. So war er auf die griechische Insel gelangt. Zufall. Oder mehr. Sicher war, dass Diana den Sommer im Mittelmeer verbringen wollte. Digitale Spuren. Leo hätte sie an der Côte d’Azur vermutet. Das große Leben. Der Glanz der Schönen und Reichen. Er musste sicher gehen. Leo ließ das Glas sinken. Kälte im Nacken. Er setzte es wieder an. Wartete. Beobachtete. Suchte eine Bestätigung, als müsse sie sich selbst verraten. Minuten vergingen. Das Licht sank. Mit jeder Sekunde wuchs seine Gewissheit. Leute bewegten sich an Deck, Dämmerung legte sich über die Insel. Lichter flackerten in den Tavernen. Über dem Meer tauchten die ersten Sterne auf. Es wirkte wie eine Idylle.
***
Außer ihr und ihren Helfern befand sich niemand an Bord. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Pedro und Gabriella warteten im Beiboot. Von der restlichen Crew wusste keiner Bescheid. Zu viele Zeugen schaden nur. Kapitän und Techniker bereiteten im Hafenbüro die Papiere für die Abreise vor. Die Yacht gehörte ihr nicht. Wozu auch. Besitz war austauschbar. Heute würde kaum mehr als ein Gegenstand von der Liste gestrichen werden.
Im Maschinenraum lag ein zylindrisches Gehäuse. Kein Sprengsatz im klassischen Sinn, sondern ein thermischer Kompressor, der den Druck lieferte. Hitze, Rauch und Licht würden entstehen. Ein kontrolliertes Inferno, das jeden Beobachter täuschte. Auf dem Hauptdeck hatte sie zwei Wärmequellen installiert. Kompakte Gelkörper, die sich nach Aktivierung auf Körpertemperatur erwärmten und aus der Ferne wie menschliche Silhouetten wirkten. In Jacken gehüllt, vom Wind bewegt. Im Salon lag ein Tablet mit Audio-Loop. Gesprächsfetzen, leises Lachen, das Öffnen einer Weinflasche. Stimmen aus verschiedenen Richtungen. Nicht zu unterscheiden. Diana prüfte ein letztes Mal die Anordnung. Perfekt. Dann wandte sie ihren Blick zu den Häusern an Land. Irgendwo dort würden die Kinder vielleicht gerade jetzt über ihre Wange streichen, um sich zu vergewissern, dass der Goldstaub kein Traum war.
Der Auslöser war mit dem Kompressor verbunden. Eine Berührung des Armbandes genügte. Dann blieben ihr nur noch Minuten, bevor der Druck den Tank durchriss. Sie prüfte den herunterlaufenden Timer und verließ den Salon. Unten im Maschinenraum summte der Generator. Die Gelkörper begannen zu glühen.
Draußen zog sie die Kapuze über, stieg zum Beiboot hinab, das an der Steuerbordseite vertäut war. Pedro half ihr an Bord.
Ein letzter Blick. Im Salon flackernde Schatten, die ein Eigenleben zu haben schienen. Vielleicht sah er das Licht. Sie atmete aus. Die Nacht blieb Zeuge. Sie lösten die Leine. Das Boot glitt lautlos in die Dunkelheit.
Als sie die sichere Distanz erreicht hatten, drehte Diana sich um. Ein weißer Blitz. Für einen Moment stand die Yacht still im Licht. Dann brach sie auf. Hitze. Druck. Schließlich verschwand sie in einer glühenden Wolke. Diana verfolgte das Geschehen. Vielleicht wartete sie auf einen Fehler. Ein Signal.
***
Die Zweifel verschwanden. Wie Zikadenrufe in der Nacht. Der Instinkt des Jägers. Keine letzte Gewissheit nötig. Er hatte Diana im Visier. Sie lief zielstrebig über Deck und stieg schließlich auf einer Leiter zu einem Beiboot hinab. Hände, die sich ihr entgegen streckten. Warum das Beiboot?
Leo ließ die Leica sinken. Er nahm das Satellitentelefon, wählte Karls Nummer und hörte dem Klingeln zu. Ob Karl gerade eine Weinflasche entkorkte? Gläser füllte. Für Clara. Für sich. Karl.
„Was willst du. Leo?“, hörte er Karl schnaufen.
„Ich glaube, wir haben sie gefunden.“
Stille.
Ein Schlag.
Ein fernes Knistern.
Die Nacht riss auf.
Für einen Moment war alles Feuer.
Rauch hing über dem Hafen. Blitze brachen sich und erschufen groteske Figuren. Leo verharrte. Das Feuer erlosch nach und nach, ließ Glut und Trümmer zurück. Staub trübte den Himmel. Ein Inferno aus dem Nichts. Die Leica wanderte über die Ränder des Geschehens. Dort, wo der Rauch am Horizont verschwand. Nichts überstürzen. Abwarten, bis Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst einträfen. Das Boot mit der Flüchtigen war längst von der Dunkelheit verschluckt. Leo massierte sich den Nacken, musterte die Szenerie weiter. Der süßlich-metallische Dunst des verbrannten Diesels hing in der Luft. Wind strich über die Mole. Schreie. Die Insel kannte solche Katastrophen nicht. Leo rührte sich nicht, hielt Abstand. Die ersten Sirenen näherten sich, gedämpft vom Wind. Blaue Reflexe tanzten auf dem Wasser, verloren sich im Schwarz des Hafens. Er zog die Jacke enger.
Eine Nacht, für die es Protokolle gab. Als die ersten Rettungskräfte eintrafen, verließ er seinen Posten. Ein Feuerwehrmann rief etwas, das im Krachen der Flammen unterging. Leo hob die Hand. Kurz. Wortlos. Sie nickten, liefen weiter. Er kümmerte sich nicht um die Hektik der anderen, scannte die Details. Zwischen den Trümmern trieb ein Metallstück. Leo kniete sich hin und zog es mit einem Bootshaken aus dem Wasser. Irgendwie zu schwer und seltsam vertraut. Das Gehäuse war verbeult. Die Kanten waren verschweißt. Der Verschluss mehrfach gesichert. Kein Gegenstand, der normalerweise auf einer Yacht verbaut war. Jemand hatte hier etwas ergänzt, verborgen oder geschützt. Die Oberfläche stellenweise glatt, an einzelnen Stellen aufgerissen. Weder Beschriftungen noch Markierungen. Stattdessen gerade Linien, sauber gezogen. Er hielt es gegen das Licht der Einsatzfahrzeuge. Keinerlei Spiegelungen. Das Material schluckte das Blau.
Ein Feuerwehrmann rief etwas. Stimmen. Schritte. Ein Motor heulte auf. Leo hob den Blick. Nur für einen Moment. Er schaute wieder hin. Das Stück lag ein wenig verschoben. Er war sich sicher, es nicht bewegt zu haben. Er kniete noch immer. Der Wind kam jetzt vom Wasser, trug den Geruch von Diesel und etwas Süßlichem mit sich. Verbranntes Plastik. Leo legte das Stück auf den Boden, ließ es los. Es blieb liegen. Reglos. Dann nahm er die Kamera. Kurze Serien. Raum. Ränder. Übergänge. Alles war in Bewegung. Außer dem Objekt. Er ließ die Kamera sinken. Zögerte. Hinter ihm liefen zwei Sanitäter mit einer leeren Trage vorbei. Einer sah ihn kurz an, ging aber dann weiter. Er steckte es ein.
Er wollte weitergehen, bis er zwischen den Trümmern etwas treiben sah, das für einen Moment wie ein Körper erschien. Leos Lampe schnitt einen schmalen, kalten Strahl durch den Rauch. Augen aus Glas. Eine Puppe. Geschmolzener Lack. Die Arme verdreht. Stoffreste. Er beugte sich vor, fotografierte den Kopf. Goldene Partikel im Haar.
Ein Mann trat aus der Dunkelheit, die Mütze schief, das Gesicht mit Ruß verschmiert. Der Kapitän. „Sie war diejenige, auf die alle hörten“, murmelte er. „Charisma. Ja, das trifft es am besten.“ Leo nickte und unterdrückte ein Lächeln. „Keine Verletzten, keine Leichen, das ist das Wichtigste. Dass sie weg ist, bedeutet gar nichts.“ Er verharrte einen Moment, als erwarte er eine Entgegnung, dann wandte er sich ab. Der Wind trug letzte Rauchfahnen über die Mole. Leo schloss die Augen. Das ferne Heulen eines Schiffshorns zerschnitt die Dunkelheit. Und irgendwo draußen, hinter der Linie des Wassers, zeichnete sich etwas ab. Bevor er den Schauplatz verließ, gab Leo den Polizisten seine Daten. Sachlich. Knapp. Niemand stellte Fragen. Er drehte sich nicht um und ging zu der kleinen Pension in der zweiten Reihe des Hafens. Beim Auspacken fiel das Metallstück aus der Jackentasche auf den Boden. Leo hob es auf, betrachtete es einen Augenblick und legte es neben das Bett.
Zeit für einen Anruf.
***
Das Meer plätscherte. Hinter ihnen erloschen die Lichter. Planken knackten, Ruder zischten durch das Wasser. Pedro saß am Bug und steuerte das Boot. Sein Blick blieb nach vorn gerichtet. Jahre zuvor hatte sie ihn bei einer jener Küstenmissionen kennengelernt, deren Namen längst bedeutungslos geworden waren. Gabriellas Augen ruhten auf Diana. Erinnerungen. Sie hatten gemeinsam gelacht.
Diana schwieg zunächst. Der salzige Wind hatte ihre Lippen aufgerissen. Sie roch den Brand, obwohl sie längst weit genug entfernt war. Ein winziges Flackern am Horizont. Ein Nachbeben.
„In zehn Minuten sind wir da“, sagte Pedro.
„Es ist vollbracht“, sagte Gabriella.
„Nein“, sagte sie. „Es beginnt gerade.“
Ihre Hände lagen ruhig auf den Knien. Sie atmete gleichmäßig.
Sie schloss die Augen und begann zu singen. Als hätte sie nie aufgehört. Leise zuerst. Ein Ton, klar und scharf.
Der Wind griff danach, zerriss die Silben, trug sie hinaus aufs Wasser.
Pedro erstarrte. „Die Königin der Nacht“, flüsterte Gabriella.
Die Melodie legte sich über das Wasser.
Ein Sprung in der Stimme. Fast schneidend.
Danach einen Moment der Ruhe.
Das Meer antwortete nicht.
Dennoch hörte etwas zu.
Die Bucht war klein, von Felsen umschlossen, kaum zu erkennen. Pedro zog das Boot in den Schatten eines alten Stegs. Gabriella stieg aus, reichte Diana die Hand. „Von hier aus gehe ich allein“, sagte sie. Gabriella wollte etwas erwidern, aber Diana schüttelte den Kopf. „Ihr habt getan, was nötig war. Wartet nicht auf mich.“ Pedro schwieg. In solchen Nächten sind Befehle endgültig. Sie lösten das Tau, stießen ab. Beinahe lautlos verschwanden sie im Schatten, während Diana am Ufer zurückblieb – eine Silhouette zwischen Wasser und Stein.
Sie zog die Jacke enger und setzte sich auf einen Felsen. Ihre Finger zitterten. Auf der anderen Seite der Bucht ankerte das Schnellboot, das sie zum Festland bringen würde. In der Ferne glomm noch immer ein Rest von Feuer über dem Meer. Zerrissen von Wellen.